Flüchtlingsseelsorge


Flüchtlinge im Gottesdienst
Momentaufnahmen aus Neu-Ulm und Ulm

Ich entdecke sie, bevor der Gottesdienst losgeht. Vier oder fünf junge schwarze Männer vorne rechts in der ersten Reihe. Erwartungsvoll blicken sie mich an. Sie haben die Pfarrerin am Talar erkannt. „Da sind wir. Wir freuen uns!“ scheinen sie mit ihrem Lächeln auszudrücken. Ich gehe zu ihnen, frage, woher sie kommen. So kann ich in der Begrüßung die jungen nigerianischen Christen in der Petrusgemeinde auf deutsch und englisch willkommen heißen. Nach dem Gottesdienst werden sie von Gemeindegliedern umringt. Seit einer Woche erst sind die jungen Männer in Deutschland, untergebracht in der Sammelunterkunft ganz in der Nähe. Zwei von ihnen gehören Pfingstgemeinden an, einer ist Anglikaner, einer Katholik.

„Wir haben sie eingeladen“
„Bei uns tauchten sie nicht einfach auf, sondern wurden eingeladen.“, erzählt mir Pfarrer Matthias Hambücher. „Die Georgs-Gemeinde engagiert sich im Unterstützerkreis „Flüchtlinge Ulm Mitte/Ost“. Wir haben im Oktober die Neuankömmlinge in der Gemeinschaftsunterkunft begrüßt. Die Christen unter ihnen fragten uns gleich nach der Kirche und den Gottesdienstzeiten. Wir haben sie zum Gottesdienst eingeladen und auch dazu abgeholt. Die Muslime wurden übrigens zum Freitagsgebet in die Moschee begleitet. Am ersten Sonntag hat unser junger Chor „Sacrapella“ zum Willkommen der Flüchtlinge einige Gospels zum Besten gegeben. Jeden Sonntag laden wir nach dem Gottesdienst sie gezielt zum Kirchenkaffe ein. Man spricht über die Heimat, die Familie, über Fluchterfahrungen, über Alltagsgebräuche und auch über den Glauben.“
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Lesung auf Englisch

Lesung auf Englisch
Der Kirchengemeinderat der Georgs-Gemeinde will Flüchtlinge aktiv in den Gottesdienst mit einbeziehen. Es gibt nun in jedem Sonntagsgottesdienst eine kurze Begrüßung und Verabschiedung in englischer Sprache. Ein Flüchtling trägt die Lesung in Englisch vor, ebenso Ausschnitte aus dem Evangelium. „Jetzt wird einem erst richtig bewusst, dass Ulm eine Internationale Stadt ist - und wie viele Menschen aus anderen Ländern hier bei uns leben und mit uns Gottesdienst feiern!“ so lautet ein Kommentar aus der Gemeinde.

beten, zuhören, essen
Als ein Team der Petrusgemeinde haben wir „unsere“ Nigerianer zu einem gemütlichen Abend im Jugendcafé Rostfrei eingeladen. Andreas hatte das geistlichen Wort zu Beginn und den Segen am Schluss vorbereitet. Bianca hatte die Zutaten für die Pizza eingekauft. Günter brachte die Gitarre mit. Wir backten zusammen Pizza, aßen, sangen Gospels und hörten zu. Was für Lebensschicksale! Die Flucht aus Nigeria, der Versuch, in Libyen zu leben und zu arbeiten, bis es da nicht mehr ging, im Boot über das Mittelmeer… einzeln, ohne Familie, nur mit der Hoffnung im Gepäck. - Einmal im Monat zusammenzukommen – das ist der Plan. Demnächst soll es nigerianisches Essen geben.
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Beim Pizzabacken im Café Rostfrei

Daran müssen sie sich gewöhnen
Auch die Moschee in der Maximilianstrasse in Neu-Ulm ist eine Anlaufstelle für Flüchtlinge, die am Gebet teilnehmen wollen. Türkisch verstehen die jungen Pakistani und Afghanen nicht, aber das arabische Ritual verbindet. Yüksel Atasever, der Vorstand der Moschee erzählt gern die Anekdote, dass die jungen Männer an einem Abend des christlich-muslimischen Dialogs in der Moschee eine Frau beobachtet haben, die einen Vortrag über das Gebet bei den Christen hielt. Sie erkundigten sich, ob das denn erlaubt sei. „Bei uns ist das anders.“, wurde ihnen geantwortet. Yüksel Atasever meint: „Die müssen sich in Deutschland daran gewöhnen!“

Ein bisschen wie Taizé
Es tut sich was. Wir werden internationaler. Das haben wir doch bei unseren Besuchen bei der Communauté Taizé in Frankreich erlebt: dass Christen, hauptsächlich Jugendliche, aus vielen verschiedenen Ländern mit unterschiedlichen Traditionen in vielen Sprachen zusammen beten und die gemeinsame Zeit gestalten, einander wahrnehmen, miteinander reden, sich kennenlernen – und dass da viel Energie fließt. Der Horizont weitet sich. Die mühsame Unterhaltung in fremden Sprachen, das Sich-verstehen-Wollen, die Zeit, die man sich dafür nehmen muss: das macht für mich den Reiz von Taizé aus. Diese achtsame Art des Gesprächs hat viele Taizé-Besucher und- besucherinnen fürs Leben geprägt. Ich habe in Taizé gelernt, geduldig zuzuhören, und ich glaube fest daran, dass die Flüchtlinge unser Miteinander in Kirche und Gesellschaft bereichern werden.

Pfrin. Marion Abendroth


Christus verbindet Welten. Ein Internationaler Gottesdienst.
Sechsprachiges Liturgieheft. (Englisch, Deutsch, Französisch,
Russisch, Farsi, Arabisch) 2015.

Gottesdienstinstitut der Evangelisch-Lutherischen Kirche in
Bayern (0911/81002-312) gottesdienstinstitut@t-online.de,
2,50 Euro, ab 20 Exemplare 1,50, ab 100 Exemplare 1,00.

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Themenbereich Flüchtlinge/Themenbereich Islam
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